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* Hans-Werner Holzwart: 100 CONTEMPORARY ARTISTS *

“Zeitgenössische Kunst” – was ist das eigentlich? Diese Frage ist angesichts der Unübersichtlichkeit auf diesem Feld allemal berechtigt. Anders als hinsichtlich der modernen Kunst, deren Werke und Namen von klassischer Moderne bis hin zur Popart inzwischen in irgendeiner Form bis in die hintersten Winkel unseres Planeten und ins Bewusstsein seiner Bewohner vorgedrungen sind, fällt die Orientierung im Dschungel der heutigen Kunst deutlich schwerer. Während es einzelnen Künstlern gelang, ungeahnte Popularität zu erlangen, ist die darunter, daneben und rundherum existierende Vielfalt durchaus verwirrend, eine Zuordnung zu Stilrichtungen, Tendenzen und Bewegungen kaum noch möglich. Höchstgradig individualistisch oder in immer neuen Kombinationen eklektisch entziehen sich die Künstler zumeist Einordnung und Fassbarkeit. Hier gibt es keine Bewegungen, keine –ismen, keine Manifeste, und auch einzelne Etikettierungsversuche sind wenig aussagekräftig. Was sagt uns schon eine Titulierung wie „Leipziger Schule“? Über Potential und Ausprägung der damit bezeichneten Künstler doch nicht allzu viel.

Diesbezüglich Hilfestellung zu leisten, begann der Taschen Verlag löblicherweise schon vor etwa 10 Jahren mit der Reihe „Art Now!“, die den jeweiligen Trends der Kunstszene nachspürte und wichtige Protagonisten vorstellte. Das vorliegende 2-bändige Kompendium baut auf diesem Fundament auf und bietet eine umfangreiche Bestandsaufnahme der Kunstentwicklung der letzten Jahrezehnte. Inklusive einiger richtig „großer“ Namen wie Jeff Koons, der seinen Erfolg ja nicht nur dem zur Schau gestellten Rumgemache mit Cicciolina verdankt, Keith Haring, Martin Kippenberger oder Daniel Richter, werden 100 der wichtigsten und markantesten Künstler der Gegenwart vorgestellt.

Doch auch die bekanntesten davon haben „klein“ angefangen, vor Popularität und/oder Akzeptanz in der Kunstszene - gleichwohl recht unterschiedliche Kriterien für Erfolg -, hat der Liebe Gott bekanntlich das Wirken im künstlerischen Untergrund gesetzt. So darf es nicht verwundern, dass auch hier Affinitäten und Querverbindungen zum Rock’n’Roll-Underground bestehen, was gleich der erste Protagonist Franz Ackermann erkennen lässt, indem er sich im NoMeansNo-T-Shirt präsentiert. Deutlicher aber wird dies bei Künstlern wie Raimond Pettibon, der seine mittlerweile weithin beachtete Karriere mit den Entwürfen für Plattencover und Flyer für Bands wie Black Flag und den Minutemen begann. Auch der mittlerweile gefeierte, immer noch geheimnisvolle Bansky stammt gewissermaßen von der Strasse, deren Kunst er treu geblieben ist und auf der er immer wieder für spektakuläre Aktionen sorgt. Hierin tritt er in die Fußstapfen von Berühmtheiten wie Keith Haring und Jean-Michel Basquiat, die ebenfalls mit Street-Art ihre Karriere begannen.

Trotz relativ kurzer Texte zu den einzelnen Künstlern, lässt sich ein ganz guter Eindruck über deren (künstlerische) Herkunft, Werdegang und Philosophie gewinnen. Entscheidend jedoch sind ohnehin vor allem die Bilder, bzw. Abbildungen der Kunstwerke, denn natürlich handelt es sich beileibe nicht ausschließlich um Malerei. Vielmehr wird man mit einer ungeheuren Vielfalt konfrontiert, die schon lange nicht mehr in traditionelle Genres eingeteilt werden kann. Vielfach ist selbst der einzelne Künstler nicht auf Stil, Medium oder Technik festzulegen. Das Spektrum reicht von Skulpturen und Installationen in den unterschiedlichsten Ausformungen, Materialien und Raumkonzepten, Fotographie und Videokunst bis zu den abenteuerlichsten Kombinationen aus alldem. Nimmt man z.B. Matthew Barney, der neben den verschiedensten Sujets auch immer wieder gerne sich selbst bizarr in Szene setzt, wobei die Grenzen zwischen eigentlicher Inszenierung und dem dokumentierenden Film oder Foto verschmelzen, so ist am Ende also gar nicht mehr so klar, was das eigentliche Kunstwerk ist. 

Bei aller Vielfalt darf dennoch als einen der wichtigsten aktuellen Trends die Rückkehr zur gegenständlichen Malerei gesehen werden, die sich natürlich nicht in der gleichen Weise präsentiert wie ein einige Jahrzehnte zuvor, aber dennoch deutliche Anknüpfungspunkte erkennen lässt. Hier sei natürlich Neo Rauch, der Shooting-Star der letzten Jahre genannt, der faszinierende magisch-surreale Bilder erschafft, die allemal eine Geschichte zu erzählen haben. Herausragend auch John Curring, dessen neuer, teilweise sogar pornographische, Verismus nicht nur an Otto Dix erinnert, sondern durchaus barocke Züge aufweist. John Condo wäre hier auch zu nennen, mit seinen abstrusen, karikaturhaften Porträts, der dabei nicht nur Popkultur sondern auch klassische Malerei auf’s Korn nimmt; Peter Doig mit seinem vielbeachteten Magischen Realismus; Richard Phillips mit seinen poppig-ausdruckstarken Porträts oder aber auch Walton Ford mit seinen abgründigen Tierbildnissen.

Die Liste ließe sich noch eine Weile fortsetzen, und das natürlich in der gesamten Bandbreite künstlerischen Ausdrucks. Doch egal welche Schwerpunkte man persönlich setzen mag, gibt es für den ein wenig Kunstinteressierten unheimlich viel zu entdecken. Wie imer bei Taschen sind auch Aufmachung und Preis/Leistungsverhältnis überzeugend. Eine wunderbare Lektüre und die perfekte Grundlage, um hier und da tiefer in das aktuelle Kunstgeschehen einzudringen.

















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