Jay Reatard ist tot! Jimmy Lee Lindsay, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, wurde am Morgen des 13.Januar tot in seinem Bett gefunden. Er starb offenbar im Schlaf, die Todesursache ist noch ungeklärt.
Außer Zweifel jedoch steht, dass Jay viel zu jung gestorben ist. Er wurde nur 29 Jahre alt. Innerhalb der letzten Dekade hatte er sich zu einer der herausragendsten Persönlichkeiten der internationalen Garage Rock Szene entwickelt und präsentierte sich immer mehr als begnadeter Songwriter. Erst im Sommer veröffentlichte er sein zweites Soloalbum mit dem Titel „Watch me fall“, auf dem er musikalisch moderatere Töne anschlug, dessen Texte aber wie eh und je von Zynismus, Pessimismus und Hass geprägt sind. Kurz zuvor war er vom renommierten Indielabel Matador Records gesignt worden, bei dem eine ganze Serie von 7“es innerhalb eines Jahres erschienen, die innerhalb kürzester Zeit ausverkauft waren und die dann auch noch gesammelt auf einer wunderbaren Compilation erschienen. Vorangegangen war bereits eine Compilation von Singles, die er in den Jahren 2006 und 07 veröffentlich hatte, die wie auch sein Debütalbum „Blood Visions“ seinen beachtlichen Ruf als Solokünstler begründeten.
Angefangen hatte alles im zarten Alter von 15 Jahren, als er auch ganz im Alleingang ein Tape mit eigenen Stücken und Covers der vergötterten Oblivians aufnahm und dies dem in seiner Heimatstadt Memphis ansässigen Goner Records zukommen ließ. Kurze Zeit später erschien dort das Debüt seiner ersten Band, den Reatards, deren Namen er ganz wie es bei seinen Vorbildern, den Ramones und den Oblivians zu seinem Familiennamen machte. „Teenage Hate“ war, ganz wie sein Titel vermuten lässt, ein Manifest des adoleszenten Hasses gegen alles und jeden. Eine Antriebskraft die auch in weitere Bands und Projekten, an denen Jay beteiligt war immer wieder zum Vorschein kam. Vielfach tragen jene derartigen Tendenzen bereits im Namen: Destruction Unit, Terror Visions, The Bad Times, The Final Solutions, The Nervous Patterns, The Angry Angles. Er schien kaum zur Ruhe zu kommen, überall hatte er seine Finger im Spiel, schrieb Songs, produzierte, veröffentlichte, gründete sein eigenes Label Shattered Records. Auf insgesamt an die 100 Veröffentlichungen dürfte er es in seiner kurzen Karriere gebracht haben.
Das bedeutendste dieser Bandprojekte dürften jedoch die genialen Lost Sounds gewesen sein. Eine Band, die derben Memphis-Style Garage-Punk mit wavigen Sythesizers á la The Sreamers oder Devo verband und deren kreative Energie sicherlich aus dem spannungsgeladenen Verhältnis zwischen ihm und seiner Freundin Alicja Trout erwuchs. Wenngleich sich die Entladung dieser Spannung letztlich in der Auflösung der Band niederschlug, steigerten sich die Lost Sounds von Platte zu Platte, optimierten sie das Zusammenwirken grandioser Melodien mit Wut und Destruktivität in einmaliger Weise.
Trotz Aggressivität in Texten und auf der Bühne sowie nachgesagtem arschlochhaften Benehmen schien Jay im übrigen ein recht umgänglicher Mensch gewesen zu sein. Wir erlebten ihn jedenfalls so und die große Zahl an Kollaborateuren lässt dies auch vermuten. 2005 erlebten wir die beinahe vorzeitige Auflösung der Lost Sounds, deren Ende nach der Tour sowieso beschlossene Sache war. Sowohl Jay als auch Alicja ließen jedoch mit sich reden, das exzellente Konzert noch zu Ende zu bringen. Im Frühjahr letzten Jahres trafen wir ihn im Dresdner Starclub, äh Beatpol, wo Jay sich als äußerst angenehmer und überaus redseliger Gesprächspartner erwies. Wir werden ihn vermissen. „Oh, it’s such a shame“, dass er einfach so und so jung gestorben ist. Mach’s gut, Jay! R.I.P.